Bewerbungen

Ständig werde ich mit Werbung bombardiert – kein Besuch im Internet ohne Werbung, keinen Schritt vor die Haustür kann ich machen, ohne beworben zu werden.

Werbung will überzeugen, Bedürfnisse wecken.

„So sah ich das Produkt noch nie.“

„Dieses Bedürfnisses war ich mir vorher noch gar nicht gewahr.“

Es geht also um Neuigkeiten, um neue Seiten des Lebens, um neue Bedürfnisse.

Neu ist etwas, was unbekannt ist.

Seltsam: womit soll man werben, wenn es um Eigenschaften geht, die diesem „Neuigkeitswahn“ diametral entgegenlaufen? „Jetzt neu – ich bin zuverlässig!“. „Aha – vorher, gerade warst Du es also nicht? Wenn Du zuverlässig bist, warum machst Du dann auf Dich aufmerksam?“

Sollte Werbung nicht vielleicht überflüssig sein?

Und: Ist ein sich-selbst-bewerben nicht irgendwie eine völlig absurde Situation? 

Nehmen wir an, es geht um die Besetzung einer Fleischerei-Fachverkäufer Stelle.

Hier mögen Hygiene, Kochkenntnisse, Kundenkontakt im Vordergrund (ich habe bewusst ein Beispiel gewählt, von dem ich keine Ahnung habe) stehen. Jedenfalls: der Produktverkauf „mitten im Leben“. Ob es hier möglich ist, auf ein paar DIN A4 Seiten etwas von diesen Eigenschaften herüberzubringen?  Und könnte es möglicherweise so sein, dass gerade derjenige, der / die sich so eindrücklich bewirbt, dass er zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, schon per se nicht der Mensch sein kann, der optimal zu den Bedürfnissen der Stelle passt?

Denn: solche Verfahren geben ja doch wohl nur das wieder, was dort geprüft wird – also gerade nicht den Inhalt der Tätigkeit. Wer ausgewählt wird, kann sich selber gut darstellen – das bedeutet (jedenfalls nicht zwingend!) dass auch die gesuchte Tätigkeit hervorragend ausgeübt wird. Und denken wir weiter: letztlich wird die Stelle wohl mit dem Besten unter den Bewerbern besetzt werden – nicht mit dem Besten schlechthin.

Natürlich stimmt es: Auswahlkriterien muss es geben. Schon klar.

Und natürlich habe ich nichts als Alternative anzubieten – wie auch.

Aber dennoch:

Je mehr ich über eine Bewerbung nachdenke, desto mehr frage ich mich: wozu soll es nutzen?

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