Maßstab

Denken wir uns einen glücklichen Menschen (anstatt zu versuchen, uns glücklich zu denken, anstatt es zu sein). Wie mag dieser Mensch in unserer Vorstellung sein? Gesund, mit allem Nötigen versorgt, kein (!) Bedürfnis ist offen, keine Frage unklar. Er ist gewissermassen „geistig satt“.

Wie machen wir ihn unglücklich?

Hiob mag es so gegangen sein: nach und nach wurden ihm alle Äusserlichkeiten, alles ihm wichtigen Dinge, genommen. So recht erschüttert hat ihn das nicht (wenngleich er hart getroffen war). Hiob hatte alles verloren – nicht aber seinen Glauben, den Punkt, in dem er ruhte, seine Zuversicht.

Ich will nicht biblisch werden oder sein, sondern mir geht es darum: Glück oder Unglück ist ein innerer Zustand.

Grosses Unglück überkommt jeden Menschen, der das, was er selbst ist, verlässt – der andere zum Maßstab nimmt.

Bin ich besser als die andere? Hat der andere vielleicht mehr? Warum habe ich all das nicht? Gibt es etwas, dass ich noch nicht habe? Werden andere mehr geliebt als ich? Kann Liebe echt sein ohne Ehe? Ist das Gefühl zwischen A und B ein „mehr“ im Vergleich zu A und C?

In dem Moment, wo wir Maßstäbe ansetzen, werden wir unzufrieden, unsicher. Das Bessere ist der Feind des Guten: eigentlich wäre ich ja zufrieden, aber ich bin es nicht: denn da gibt es etwas, dass ich (auch noch) will.

Vergleiche nehmen den Dingen ihren Zauber und ihre Schönheit.

Eine Blume riecht -einfach so empfunden- schier göttlich, vollkommen rein: wunderbar. Riecht die vergleichende Nase, dann ist es weder der Geruch der vorhandenen Blume, noch der Geruch der gemerkten Blume – also: gar kein Geruch, sondern lediglich der Gedanke, der in unsere „Wahr“nehmung gelangt. Wir sehen weder die Sache, noch empfinden wir etwas- es ist der Gedanke, der gedacht wird, das Denken wird als Empfindung wahrgenommen, und wir sind -schwupp- verschollen in der Unwirklichkeit.

Vergleiche schaffen keine Gleichheit; sie sind die Manifestation des anhaftenden, des greifenden Geistes.

Rainer Maria Rilke dazu:

Ich fürcht mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle Dinge um.

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